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Alt 18.03.2008, 19:38
chriwu chriwu ist offline
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chriwu befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Blinzeln Denkstoff

Ich habe zu diesem Thema einen interessanten Beitrag in einem Buch gelesen. Ich zitiere den Aufsatz vollständig.

Quelle:
Aufsatz von
Schwarz, Gerhard: Gelassenheit oder der kluge Umgang mit der Zeit, in: Pesendorfer, Bernhard (Hrsg.): Pesendorfer & Schwarz DENKSTOFF, St.Gallen, 1997, S. 9-11


Zum Teufel auch, das Schuhband ist abgerissen! Man wartet auf mich. Ich muss es neu binden. In der Eile reiße ich es noch einmal ab. Noch länger müssen sie auf mich warten! Ich sollte eigentlich schneller sein als ich bin.

Ein anderes Mal - ich glaube, das ist häufiger der Fall - muss ich warten, und die anderen müssen sich ihre Schuhe oder den Mantel anziehen oder noch einmal schminken oder sonst etwas. Selten passen die Geschwindigkeiten der Menschen zu einander. In der letzten Zeit häufte sich (und nicht nur bei mir), dass man will, ich sollte schneller sein, etwas in kürzerer Zeit erledigen. Und immer dann, wenn man mit einem Problem Schwierigkeiten hat, beginnt man nachzudenken. Was ist das eigentlich - Zeit? Wieso, zum Kuckuck, soll ich schneller sein, wenn ich nicht will oder nicht kann?

Nun, Zeit gibt es eigentlich nicht. Es ist ein Einteilungsprinzip des Menschen. Schon Aristoteles ist dahinter gekommen, dass sie erst dadurch entsteht, dass man zwei Bewegungen miteinander vergleicht. Und auch nur im Vergleich zu einer anderen Bewegung kann ich schneller oder langsamer sein.

Augustinus erkannte ausßerdem, dass sich das Zeiterlebnis in der Erinnerung umkehrt, und nur in der Erinnerung kann ich überhaupt feststellen, wie lange etwas gedauert hat. Solange ein Ton noch klingt, weiß ich nicht, wie lange er ist bzw. noch sein wird. Solange ich noch unterwegs bin, weiß ich nicht, wie lange ich bis zum Endpunkt brauchen werde. Eine interessante Stunde - sagt Augustinus - vergeht unheimlich schnell. Man schaut auf die Uhr: "Soviel Zeit ist schon vergangen!" Eine langweilige Stunde vergeht nicht und nicht. Ein Lehrer sagt zum anderen: "Stört es dich nicht, dass deine Schüler immer auf die Uhr schauen?" Antwortet der andere:" Nein, mich stört es erst, wenn sie die Uhr an das Ohr halten, um festzustellen, ob sie noch geht." In der Erinnerung aber ist es anders, da ist die fade Stunde plötzlich weg und die erfüllte, das interessante Gespräch zum Beispiel liegt breit da in meiner memoria - sagt Augustinus.

Das heißt, es dürfte so etwas geben wie eine Eigenzeitlichkeit (so nennen das die Philosophen), wie eine Form von Bewegung, von Einstellen auf die Umwelt, den den eigenen Rhythmus darstellt. Es gibt Menschen, die haben einen schnelleren oder einen langsameren Rhythmus. Furwängler hat - durch seine Art zu dirigieren - für die 5. Sinfonie von Beethoven etwa eine Viertelstunde länger gebraucht als Karajan. Das Glück oder Unglück für den Menschen kommt dadurch zustande, dass man versucht, den Menschen aus seinem Rhythmus herauszureißen und in einen anderen, ihm nicht gemäßen Rhythmus hineinzuzwingen. Dasselbe würde natürlich für Tiere und alle anderen Lebewesen gelten - auch für Pflanzen, wenn sie schneller wachsen sollen. Verlockend ist diese Idee durch unser Maschinenweltbild geworden. In einem Auto kann man auf das Gas steigen, und wenn man im gleichen Gang bleibt und die doppelte Tourenzahl erreicht hat, ist man doppelte so schnell. Bei Menschen hingegen findet sich kein Knopf - etwa "Verdaue doppelt so schnell." Man kann natürlich Abführmittel zu sich nehmen, dann geht es vielleicht schneller, aber im Prinzip haben wir keine Verfügung über Beschleunigung oder Verzögerung unserer Körperfunktionen. Versucht man es trotzdem, dann werden Organe belastet, es entsteht Hektik. Das geht bekanntlich aufs Herz oder aufs Nervensystem usw.

Die Zeitbeschleunigung der Gegenwart strebt einem Höhepunkt zu. Man kann leicht die Frage stellen: "Was kommt danach?" Danach gibt es mit Sicherheit die Besinnung auf die Langsamkeit. Wir können auch schon ahnen, wie diese Besinnung ausfallen wird. Man wird nämlich versuchen, das Verhältnis von Mensch und Maschnine umzukehren. Muss sich heute der Mensch an eine Maschine anpassen, an eine Uhr - eine Uhr ist immerhin eine Maschine, so wird es ganz sicher so sein, dass sich in Zukunft die Maschinen an die Menschen werden anpassen müssen. Dann werden wir unsere Eigenräumlichkeit, den Raum, den wir zum Leben brauchen, und unsere Eigenzeitlichkeit, den Rhythmus, den wir zum Wohlfühlen brauchen, viel leichter sichern können als heute. Das neue Zauberwort der Zukunft wird hier Gelassenheit heißen.


Regt zum Nachdenken an, oder?
Wann ist jemand langsam, wann ist jemand schnell? Niemand kann das für sich beurteilen, so lange man keinen Vergleich mit einen anderen Menschen hat. Und auch wenn man dann den Vergleich hat, wer beurteilt dann, was besser oder was schlecher ist? Wie schon gesagt, es gibt keine objektive Aussage, was Zeit ist und daher auch nicht was schnell und was langsam ist.
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