Während er noch überlegte, wie er den beiden Frauen seinen "Zufallsbesuch" erklären sollte, endete die Liftfahrt mit einem Ruck. Zischend öffneten sich die Lifttüren.
Miguel betrat den spiegelnden Linoleumfußboden. Überdeutlich roch er den süßlichen Krankenhauscocktail aus Desinfektionsmitteln, Urin und Angst. Er bekam kurz keine Luft. Sein Brustkorb schmerzte scharf. Sein Herz gallopierte wild. Die ganze Situation erinnerte ihn an den letzten Besuch bei seiner Großmutter im Krankenhaus in Santiago. Klein und winzig hatte sie im riesigen Bett ausgesehen. Riesige Pölster türmten sich hinter dem faltigen, gütigen Gesicht. Wie sie gestrahlt hatte, als er mit einem mulmigen Bauchgefühl die Türe leise hinter sich schloss. "Miguel, du bist in Chile... wie schön...", hatte sie geflüstert. Sie war mit einem akuten Herzanfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Viele Stunden verbrachte er in den nächsten Tagen an ihrem Bett. Er hielt ihre Hand, sie sprachen vom Großvater, der vor vielen Jahren beim Fischen nicht mehr heimkehrte. Erinnerten sich an die Zeit, als Miguel bei seinen Großeltern untergeschlüpft war, weil seine Eltern seine sportliche Karriere hinter der als Juniorpartner im Familienbetrieb stellten.
Ihm wurde in diesen Stunden bewusst, wie sehr er diese alte Frau liebte. Genauso wie die Tatsache, dass sie bereit war, dieses Leben zu verlassen. Alt und müde sehnte sich nach Ruhe und Heimkehr ins Licht. Als sie einige Tage später in den frühen Morgenstunden friedlich einschlief, war das für Miguel die natürlichste Sache der Welt. Der Abschiedsschmerz wurde immer wieder vom sicheren Wissen über ihr Wohlergehen in den Reichen der Liebe unterbrochen. Jetzt im Österreichischen Krankenhaus vermisste er sie aus tiefstem Herzen. Wie gern hätte er seiner Großmutter von dieser Begegnung mit der Fallschirmspringerin erzählt. Bestimmt hätte sie ihm einen ihrer weisen Ratschläge gegeben, um diese Frau im Sturm zu erobern. Falls er sie überhaupt fand.
Seine Herz klopfte noch immer, als er seine Schritte zum Schwesternzimmer lenkte. "Ich erzähle die Geschichte meiner verlorenen Brieftasche und der Hoffnung, die beiden Damen hätten sie gefunden", machte er sich selber Mut. Als Wildfremder und dunkelhäutiger Ausländer wusste er um seine geringen Chancen, Auskunft zu bekommen. Oder sollte er einfach von Tür zu Tür gehen, klopfen und in die Zimmer schauen? Was tat er hier eigentlich? Er suchte eine fremde Frau, die sein Herz berührt hatte. War er vollkommen verrückt geworden?
Seine Gedanken schlugen Purzelbäume.
Deshalb übersah er auch den kleinen Jungen, der selbstvergessen mitten im sonnendurchfluteten Krankenhauskorridor saß und mit seinem Legoflugzeug spielte. Miguel wollte ausweichen, strauchelte und stolperte. Dann wurde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Er knallte der Länge nach schmerzhaft mit dem Bauch auf das Linoleum. Versuchte aufzustehen. Vergebens. Der Junge wandte sich ihm zu. Das Kind bewegte sich wie in Zeitlupe. Die Krankenhausgeräusche wurden immer leiser. Ein Singen und Rauschen in seinen Ohren verstärkte sich und nahm ihn mit in die erste Ohnmacht seines Lebens...
guten Morgen rundherum!
Liza
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