Einzelnen Beitrag anzeigen
  #12 (permalink)  
Alt 05.12.2008, 07:50
Benutzerbild von Elizabeth
Elizabeth Elizabeth ist offline
Erfahren
 
Registriert seit: 08.08.2008
Ort: Liebenfels, Kärnten
Alter: 44
Beiträge: 1.781
Elizabeth befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Standard

Miguels Kopf brummte. Mühsam rang sich sein Gehirn eine Frage ab. "Wieso um Himmels Willen liege ich in einem Zimmer mit einer alten Frau!", wunderte er sich. Miguel war inzwischen lange genug in Österreich um zu wissen, dass Krankenhäuser Orte penibelster Sauberkeit waren. Geschlechtertrennung an Stätten wie diesen gehörte zur besorgten Reinlichkeit seines Gastgeberlandes. Durchaus bedauernswert. Aber so wurde das hier gehandhabt. Die letzten Bewusstlosigkeitsnebel lösten sich im Lichte der Erkenntnis auf. Und dann durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Die alte Dame - natürlich - das war die Großmutter der netten Brünetten, die wie er gerne aus fliegenden Flugzeugen sprang!

Und sie lag auch nicht neben ihm. Oh nein! Sie hatte sich zwei der unbequemen Besuchersessel an sein Bett gezogen und mit Pölstern und Decken eine gemütliche Liegestatt gebaut. Mit blitzenden Augen musterte sie ihn. "Ah, er schaut schon viel klarer in die Welt", sprach sie mehr zu sich selbst. Miguel richtete sich auf. "Sind Sie nicht, ich meine, heute Vormittag, das waren Sie doch...", zwang er sein Hirn, logische Worte aneinander zu reihen. Die alte Frau Omatov beugte sich zu ihm, tätschelte seine Hand und murmelte: "Ja, ja, so schnell sieht man sich wieder. Ich war mit meiner Enkelin Lea zur Blutuntersuchung hier, erinnern Sie sich? Lea war nach dem Gespräch so fröhlich wie schon lange nicht mehr. Sie träumte endlich wieder davon zu fliegen. Und zu leben. Hat Sie Ihnen denn von ihrem bevorstehenden Weltrekordversuch erzählt?"

Miguel verneinte kopfschüttelnd. Was diesem nicht sehr zuträglich war. Er ließ sich wieder zurücksinken und versuchte, seine Lage einzuschätzen. Er lag hier mit brummendem Kopf. Lea, eine Frau, die ihn sehr interessierte, war die Enkelin jener Frau, die an seinem Krankenbett saß. Und er sollte morgen nach Russland fliegen, um einen Mann zu treffen, der behauptete, sein leiblicher Vater zu sein. Der Name "Omatov" klang in seinen Ohren slawisch. Um nicht zu sagen russisch. Was hatte das alles zu bedeuten?

Miguel richtete sich auf und wandte sich an die alte Dame: "Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit. Ich heiße Miguel Rapido, bin chilenischer Staatsbürger. Auch Ihr Name klingt fremdländisch. Woher kommen Sie denn ursprünglich?", fragte er gespannt. "Nun, junger Mann, ich will sehen ob ich Ihnen Ihre Fragen beantworten kann. Ich wuchs in Deutschland auf. Meine Eltern kamen ursprünglich aus Tschetschenien. Einige meiner Verwandten leben noch dort. Die meisten haben dieses kriegsgebeutelte Land aber verlassen und leben verstreut in Westeuropa und teilweise in Südamerika. Leider habe ich nicht mehr zu allen Kontakt", erzählte Frau Omatov und seufzte bedauernd. "Ich verliebte mich in einen österreichischen Maschinentechniker, der in meiner Heimatstadt Köln auf Montage war. Und zog hierher nach Kärnten. Lea ist das Enkelkind meiner ältesten Tochter, die in Antibes in Frankreich lebt. Wegen ihres Weltrekordversuches wohnt Lea einige Wochen bei mir", plauderte sie weiter. Und deutete schmunzelnd an, dass sie versprochen habe, am Abend noch einmal nach ihr zu sehen und sie vielleicht auch schon wieder mit nach Hause zu nehmen.

"Alles hat seinen Sinn...", "Alles hat seinen Sinn...", dieser Satz der alten Frau kreiste in Miguels ohnehin angeschlagenem Kopf. Er ließ sich wieder ins Kissen sinken. "Schlafen Sie ruhig ein wenig, mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen", hörte er die ruhige, klare Stimme der alten Frau. "Was solls", dachte Miguel noch. "Ich lebe jetzt. Und jetzt will ich genau hier sein und mich auf den Abendbesuch freuen!" dachte er noch, bevor er die Traumgrenze überschritt.
Mit Zitat antworten