„Eine ganz gewöhnliche Nadel genügt…“
Aus dem Leben eines großen Sufi-Mystikers wird berichtet, dass einst ein König ihn aufsuchte. Der König brachte ihm ein Geschenk mit, eine wunderschöne Schere aus Gold, mit Diamanten verziert – ein sehr kostbares, seltenes Stück. Er berührte Farids Füße und überreichte ihm die Schere. Farid nahm die Schere, schaute sie an, gab sie dem König zurück und sagte: „Herr, vielen Dank für das Geschenk, das du mir gebracht hast. Es ist schön, aber ich kann es überhaupt nicht gebrauchen. Es wäre besser, wenn du mir eine Nadel geben könntest. Eine Schere brauche ich nicht; eine einfache Nadel genügt mir.“
„Das verstehe ich nicht“ sagte der König. „Wenn du eine Nadel brauchst, dann brauchst du doch auch eine Schere.“
Farid sagte: „Ich meine es nicht wörtlich. Eine Schere brauche ich nicht, weil eine Schere die Dinge auseinander schneidet. Eine Nadel brauche ich, weil eine Nadel die Dinge zusammenfügt. Ich lehre die Liebe. Meine ganze Lehre basiert auf der Liebe – darauf, die Dinge zusammenzufügen, die Menschen das Ganzsein zu lehren. Ich brauche eine Nadel, damit ich die Menschen ganz machen kann. Die Schere ist unnütz; sie zerschneidet, sie trennt. Wenn du das nächste Mal kommst, genügt eine ganz gewöhnliche Nadel.“
Logik ist wie eine Schere: Sie zerschneidet, sie teilt die Dinge auf. Der Verstand ist wie ein Prisma: Richtet man einen Strahl von weißem Licht darauf, wird dieser unmittelbar in sieben Farben zerteilt. Alles, was durch den Verstand geht, wird dualistisch aufgeteilt. Das Leben und der Tod sind nicht Leben und Tod, in Wirklichkeit ist es „Lebentod“. Es sollte ein Wort sein, nicht zwei – nicht einmal ein Bindestrich sollte dazwischen sein. Lebentod ist ein und dasselbe; Liebehass ist ein und dasselbe; Dunkelheitlicht ist ein und dasselbe. Negativpositiv ist ein und dasselbe. Doch sobald du dieses Eine durch den Verstand filterst, wird es sofort zweigeteilt. Lebentod wird zu Leben und Tod. Sie werden nicht nur getrennt, sondern der Tod wird auch noch zu etwas, was im Widerspruch zum Leben steht. Sie sind Feinde. Nun kann man sich ewig bemühen, dass die beiden zusammenkommen, und sie werden niemals zusammenkommen.
„Ost ist Ost und West ist West, und niemals werden die zwei zusammenkommen", dichtete Kipling, und er hat Recht. Logisch gesehen stimmt es. Wie kann der Osten mit dem Westen zusammenkommen? Aber existentiell gesehen ist es völliger Unsinn.
Ihr sitzt zum Beispiel gerade in Indien. Ist das nun der Osten oder der Westen? Von London gesehen ist es der Osten, aber von Tokio gesehen ist es der Westen. Was ist es nun genau - Ost oder West? An jedem Punkt kommen Ost und West zusammen, und Kipling behauptet, die zwei könnten nie zusammenkommen.
Die zwei kommen überall zusammen! Es gibt keinen einzigen Punkt, wo sich Ost und West nicht treffen; und es gibt keinen einzigen Menschen, in dem Ost und West nicht zusammenkommen. Es kann gar nicht anders sein. Sie müssen zusammenkommen. Es ist ein und dieselbe Wirklichkeit; ein und derselbe Himmel.
Kein Mensch ist eine Insel, wir sind alle Teil eines ungeheuer großen Kontinents. Es gibt eine Vielfalt, doch macht uns das nicht getrennt von einander. Vielfalt macht das Leben reicher -- ein Teil von uns ist im Himalaja, ein Teil von uns ist in den Sternen, ein Teil von uns ist in den Rosen. Ein Teil von uns ist in einem fliegenden Vogel, ein Teil von uns ist im Grün der Bäume. Wir sind überall hin verstreut. Wenn du dies als eine Wirklichkeit erfährst, wird es deine gesamte Art zu leben transformieren, wird es jede deiner Handlungen verwandeln, wird es dein ganzes Sein transformieren.
Alles Liebe und Gute
Ines
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