Als Shibli die Rose warf
Der Name Shibli wurde zum ersten Mal bekannt, als sein Meister, der Sufi Mansur al-Hillaj, umgebracht wurde. Viele Menschen sind in der Vergangenheit von den angeblich Frommen ermordet worden. Jesus wurde gekreuzigt, aber einen solchen Mord, wie er an Mansur begangen wurde, hat es niemals gegeben. Zuerst wurden ihm bei lebendigem Leibe die Beine abgehackt, dann die Hände. Schließlich wurde ihm die Zunge abgeschnitten und die Augen ausgestochen – und er lebte immer noch. Er wurde wirklich zerstückelt.
Und welches Verbrechen hatte Mansur begangen? Er hatte gesagt: „An’al Hak“ das bedeutet: „Ich bin die Wahrheit, ich bin Gott.“ Alle Seher in den indischen Upanischaden erklären dasselbe: „Aham Brahmasmi – ich bin Brahma, das Höchste Selbst.“ Die Moslems konnten so etwas jedoch nicht dulden.
Mansur ist einer der größten Sufis gewesen. Als man ihm die Hände abhackte, schaute er zum Himmel, betete zu Gott und sagte: „Du kannst mich nicht täuschen. Ich kann dich in allen, die hier anwesend sind, sehen. Du willst mich täuschen, indem du als Mörder kommst? Als mein Feind? Aber ich sage dir: Egal, in welcher Form du kommst – ich werde dich erkennen, denn ich habe dich in mir selbst erkannt. Nun ist eine Täuschung nicht mehr möglich.“
Shibli war ein Weggefährte und Freund Mansurs. Die Leute bewerfen Mansur mit Steinen und Dreck, um ihn zu verspotten, und Shibli steht mitten unter ihnen. Mansur lacht nur und lächelt, aber plötzlich beginnt er zu weinen und zu klagen, denn Shibli hat ihm eine Rose zugeworfen. Jemand fragt ihn: „Was ist los? Bei den Steinen lachst du – bist du verrückt geworden? Und Shibli hat dir nur eine Rose zugeworfen. Warum heulst du denn jetzt?“
Mansur sagt: „Die Leute, die Steine werfen, wissen nicht, was sie tun. Aber dieser Shibli muss es wissen. Für ihn wird es schwierig, Vergebung von Gott zu bekommen. Den anderen wird vergeben“ sagte er weiter, „denn sie handeln aus Unwissen; sie können nicht anders. In ihrer Blindheit ist das alles, was sie tun können. Aber bei Shibli – einem Mann, der weiß – ist es anders. Deshalb weine ich für ihn. Er ist der einzige hier, der eine Sünde begeht.“
Dieser Ausspruch Mansurs verwandelte Shibli. Er warf den Koran und alle heiligen Schriften fort, und er sagte: „Das hat mir nicht geholfen zu verstehen, dass alles Wissen sinnlos ist. Nun werde ich das wahre Wissen suchen.“ Später fragte man ihn: „Warum hast du die Blume geworfen?“ Shibli erwiderte: „Ich hatte Angst vor der Menge. Wenn ich gar nichts geworfen hätte, dann hätten die Leute glauben können, dass ich zu Mansurs Gruppe gehöre. Sie hätten mir Gewalt antun können. Ich warf die Blume – es war nur ein Kompromiss. Mansur hatte Recht. Er weinte über meine Angst, über meine Feigheit. Er weinte, weil ich mich der Menge beugte.“ Shibli hat es jedoch verstanden. Die Tränen Mansurs wurden für ihn zur Transformation.
Wenn du jemandem Unrecht getan hast, gehe zu ihm hin. Sei demütig und bitte ihn um Vergebung. Nur dieser Mensch kann dir vergeben, kein anderer. Und erinnere dich daran, dass das Wort „Sünde“ eigentlich „Vergesslichkeit“ bedeutet. Nun vergiss es also nicht wieder und tu es nicht wieder; sonst wäre es sinnlos, um Vergebung zu bitten. Nun sei achtsam, sei wach, sei bewusst. Und tu nicht dasselbe noch einmal. Denk daran, nicht denselben Fehler wieder zu begehen. Dies sollte dein fester Beschluss sein. Dann bist du wirklich reumütig.
Reue kann sehr, sehr tief gehen, wenn du die Verantwortung verstehst. Selbst eine kleine Sache – wenn du sie bereust, und zwar nicht nur verbal, nicht nur an der Oberfläche, sondern wenn sie bis tief an deine Wurzeln geht, wenn dein ganzes Wesen zittert und bebt und weint, wenn du Tränen fließen lässt – nicht nur aus deinen Augen, sondern aus jeder Zelle deines Körpers, dann kann Reue zu einer Verwandlung führen.
Alles Liebe und Gute
Ines
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